Horsti Schmandhoff

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8 Anmerkungen

Augen zu.

Flucht in Träume
Flucht in Trauer
Flucht in Grübel
Flucht in Krankheit
Flucht in Ehe
Flucht in Glauben
Flucht in Jemandens Schoß.
Flucht in Trägheit
Flucht in Schlaf
Flucht in Hobbies
Flucht in Reisen
Flucht in Arbeit
Flucht in Unrast
Flucht in Unmaß
Flucht in Stress
Flucht in Bücher
Flucht in WebSites
Flucht in Spiele
Flucht in Filme
Flucht in Kaufen
Flucht in Sex
Flucht in Sport
Flucht in Tollheit
Flucht in Gefahr.
Flucht in Schlucken
Flucht in Trinken
Flucht in Spritzen
Flucht in Geißlung
Flucht in Streit
Flucht in Gewalt
Flucht in Selbstverletzung
Flucht in Selbstmitleid
Flucht in Einsamkeit
Flucht in Depression
Flucht in den Tod.
Flucht statt Innehalten
Tod statt Leben.



Abgelegt unter Lyrik Gedicht Flucht

6 Anmerkungen

Enttäuschte Träume

„Wähle einfach einmal diese Nummer“, sagte sein Freund Peter zu ihm. Das tat er. Und damit begann Theos letztes großes Abenteuer.

Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme.

Sie beschrieb ihm den Weg, raus aus der Stadt auf die Landstraße in westlicher Richtung. An einer Weggabelung, ungefähr bei Kilometer 25, sollte er sich links halten. Dann geradeaus fahren und nach circa drei Kilometern rechts auf einen Waldweg einbiegen. 200 Meter weiter und schon sei er da.

Es war einer dieser Tag, an dem keiner Katzen oder Hunde vor die Tür jagen wollte.

Fröstelnd fiel er in das abgewetzte Polster seines alten Saabs und fingerte umständlich den Schlüssel in das zwischen den Vordersitzen liegende Zündschloss. Dann startete er den Wagen. Der Motor fing stotternd an zu laufen, als ob er es sich überlegen müsste, an diesem trüben Tag überhaupt seine Arbeit aufnehmen zu wollen. Der Keilriemen der Lichtmaschine wimmerte kurz auf. Theo trat einige Male nachdrücklich auf das Gaspedal und wartete, bis der Motor auf allen vier Zylindern rund lief. Die Seitenscheibe quietschte sich beim Herunterkurbeln an der Gummidichtung entlang. Mit klammen Fingern wischte er die Wassertropfen vom Außenspiegel.

Er schaute.

Ausbleibende Scheinwerferlichter zeigten ihm eine Lücke auf. Umständlich fädelte er sich ein, wie immer mit schleifender Kupplung und eine Rauchfahne hinter sich herziehend, um dann die ersten drei Gänge routiniert durchzuschalten. Mit Mühe kurbelte er die Scheibe wieder hoch, denn der Kurbelknopf bestand nur noch aus wenig mehr als der Hälfte seiner ursprünglichen Form, und der Sprengring, der ihm sicheren Halt auf der Achse geben sollte, fehlte schon lange.
Die Scheibenwischer schmierten den feinen Sprühregen zur Seite, das Gebläse brüllte gegen den Beschlag an und die einsetzende Heizung vertrieb die feuchte Luft aus dem Innenraum, nicht ohne einen Geruch von angesengtem Staub zu verbreiten. Der am Innenspiegel hängende Wunderbaum pendelte im Takt des Verkehrs hin und her, kam aber seiner eigentlichen Aufgabe nicht mehr nach.

Als er an der beschriebenen Weggabelung den linken Weg nahm, hatte der Regen aufgehört. Kurz darauf sah er die Einfahrt in den Waldweg. Er nahm einen letzten, tiefen Zug kurz oberhalb des Filters, drückte mit seinem rechten Daumen die Zigarette im vor Kippen überquellenden Aschenbecher aus und schaltete herunter.

Mit Schrittgeschwindigkeit bog er ein und versuchte halbherzig den scheinbar metertiefen, mit Regenwasser gefüllten Schlaglöchern auszuweichen. Eine Schranke markierte das Ende des befahrbaren Wegs. Er stellte den Wagen ab, verschloss ihn und ging die letzten Meter bis zum See voller Erwartung zu Fuß. Nicht einmal teuer sollte sie dem Telefonat nach sein.

Da war sie, die Schöne. Er sah sie schon von weitem und näherte sich beinahe ehrfürchtig. Bei ihr angekommen, betrachtete er sie von allen Seiten, streichelte leicht ihren Rumpf, strich mit seinen nikotingelben Fingerkuppen ihre Konturen entlang, ließ seine unförmigen, prankenhaften Hände dann kurz auf ihr ruhen und fühlte den trotz ihres Alters spannungsvollen Körper. Er ließ ab, trat einen Schritt zurück und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Mit gesenktem Blick dachte er kurz über seine Träume nach oder besser gesagt, darüber, was von ihnen noch übrig war. Er sprach kein Wort. Dann trat er wieder an sie heran.

Sie weigerte sich zunächst, seinem dumpfen Drängen nachzugeben. So stemmte er sich gegen sie, zerrte und riss an ihr bis er seine Arme vor Anstrengung nicht mehr oben halten konnte und sie einfach fallen ließ. Ganz außer Atem stand er da und atmete mit offenem Mund. Zwischenzeitlich war er ausgerutscht und auf die Knie gegangen, und die Hosenbeine starrten vor Dreck. Doch sie kam, erst langsam, aber stetig, das spürte er. Als sie ihm schlussendlich nachgab und mit dem Trailer ins Wasser rutschte, schwang er sich hinauf und kam mit einem leichten Stöhnen auf dem Deck zu liegen. Die Yacht bewegte sich schlingernd auf den Wellen, und er setzte sich auf.

„Wie habe ich dich geliebt“, dachte seine Frau bei sich, die das Schauspiel gänzlich vom Waldrand aus mit angesehen hatte. „Wie dieses Boot hast du mich behandelt. Genauso. All` die Jahre über“. Sie schloss ihre Lider und schluckte. „Theo“, rief sie aus dem Dickicht heraus. Dann ging sie auf ihn zu, zog unvermittelt eine Waffe und erschoss ihn.

Sie besah sich vom Ufer aus den leblosen Körper, der mit offenen Augen rücklings auf dem Deck lag, die Beine unter dem Körper verdreht. Ein ungläubiger, erstaunter Ausdruck umspielte noch immer sein verfettetes Gesicht. Sie wendete sich ab, und ein tiefes, multiples Schluchzen ließ ihren Körper erzittern. „Das wars“, sagte sie zu sich selbst. Und das Gefühl einer unglaublichen Erleichterung, das sie nun durchflutete, ließ ihre emotionale Erschöpfung einen Moment lang in den Hintergrund treten. Sie senkte ihr voll Ekel und Bitterkeit verzerrtes Gesicht und ging mit hängenden Schultern zurück zur Straße. Der Regen setzte wieder ein, stärker und stärker werdend.

Peter wartete schon mit seinem Wagen auf sie. „Fahr los“, sagte sie unter Tränen, die an ihren Wangen ungehemmt herunterliefen. Die Tür schlug zu, und sie lehnte ihren Kopf an die Seitenscheibe, an der die Tropfen Rinnsale bildeten und vor ihren Augen Streifen zogen, die es nicht vermochten, ihrem Blick einen Halt zu geben.

Der einsetzende Wind wehte Reste von herbstlichen Blätter von den Bäumen, die im Scheinwerferlicht schimmernd feucht auf der Straße liegen blieben. Der Motor erklang, die Räder rissen die Feuchtigkeit vom nassen Asphalt, und die roten Rücklichter verloren sich allmählich in der Ferne, von einer kleinen, sich formenden Gischtfahne begleitet. 



Abgelegt unter Kurzgeschichte Short Story Wunderbaum Mord Träume

5 Anmerkungen

Montag, 8:23 Uhr.

wenigeristmehr:

Mädchen redet über Essstörung, Kerl holt sich einen runter, Junkie schlägt Japaner, Alkoholikerin kippt zwei Bier, junge Frau heult, Liebespaar streitet grenzwertig, Mutter ohrfeigt Tochter, Businesstyp quatscht mit sich selbst, Nutte macht sich für die Frühschicht klar…

Ob ich an einer Sozialstudie arbeite? So ähnlich. Ich fahre wieder Bahn.



1 Anmerkung

Kein Entrinnen.

.

..

….
…..
Stille
.
Mehr Ahnung als Wissen
Ich bin allein.
Niemand neben mir.
..
Und wirkliche Stille
.
Zum Greifen nah.
Bemerkenswert.

Nichts rührt sich.
Und dunkel ist es.
.
Ganz dunkel.
..
Wirkliche Stille und tiefste Dunkelheit.
Wunderschön.
…..
Ich spüre mich, meinen Körper, meine Muskeln.
Auf dem Rücken liegend mein Gewicht.
Die Kraft, die meinen Körper an das Laken presst.
Einfach nur liegen und spüren.
Ganz entspannt.
Herrlich.
……
mir wird ganz leicht

Ich sterbe!
schießt es mir durch den Kopf
schon höre ich Glockengeläut
lauter und lauter werdend
Reißt es mich
Heraus !!

Ich stelle den Wecker ab.

Schon wieder Morgen?



Abgelegt unter Kurzgeschichte Short Story

27 Anmerkungen

Max Frisch

Heute (15.05.2011) vor Hundert Jahren ist Max Frisch in Zürich geboren. Ein großer Schriftsteller, ursprünglich als Architekt ausgebildet. Frisch ging es in seinen Werken oft um das Problem der Identität und um die Freiheit, sich anders verhalten zu können als gewohnt. In seinem Roman “Stiller” (1954) thematisiert er diese Themen, zum Beispiel bezüglich der Identität seines Heimatlandes:

“Hat die Schweiz <…> irgendein Ziel in die Zukunft hinaus? Zu bewahren, was man besitzt oder besessen hat, ist eine notwendige Aufgabe, doch nicht genug; um lebendig zu sein, braucht man ja auch ein Ziel in die Zukunft hinaus. Welches ist dieses Ziel, dieses Unerreichte, was die Schweiz kühn machte, was sie beseelt, dieses Zukünftige, was sie gegenwärtig macht? Sie sind sich einig in dem Wunsch, daß die Russen nicht kommen; aber darüber hinaus: Was ist, wenn ihnen die Russen erspart bleiben, ihr eigenes Ziel? Was wollen sie aus ihrem Land gestalten? Was soll entstehen aus dem Gewesenen? Was ist ihr Entwurf? Haben sie eine schöpferische Hoffnung?”

oder bezüglich der Identität und der Freiheit des Menschen Stiller:

“Solange ja ein Mensch sich nicht selbst annimmt, wird er stets jene Angst haben, von der Umwelt mißverstanden und mißdeutet zu werden; es wird im viel zu wichtig, wie wir ihn sehen, und gerade mit seiner bornierten Angst, von uns zu einer falschen Rolle genötigt zu werden, macht er zwangsläufig auch uns borniert. Er möchte, daß wir ihn frei lassen; aber er selbst läßt uns nicht frei. Er gestattet uns nicht, ihn etwa zu verwechseln. <…> Die Selbsterkenntnis, die einen Menschen langsam oder jählings seinem bisherigen Leben entfremdet, ist ja bloß der erste, unerläßliche, doch keineswegs genügende Schritt. Wie viele Menschen kennen wir, die eben auf dieser Stufe stehenbleiben, sich mit der Melancholie der bloßen Selbsterkenntnis begnügen und ihr den Anschein von Reife geben! <…> Er <Stiller> war im Begriff, den zweiten und noch viel schwereren Schritt zu tun, herauszutreten aus der Resignation darüber, daß man nicht ist, was man so gerne geworden wäre, und zu werden, was man ist. Nichts ist schwerer als sich selbst anzunehmen!”

Max Frisch wurde mit dem Georg-Bücher-Preis sowie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Er starb in seiner Geburtsstadt am 04.04.1991.



Abgelegt unter Max Frisch Roman Stiller Identität Freiheit

0 Anmerkungen

Lebenskunst

“Unsere Art zu leben entsprach unseren sozialen Überzeugungen, und nichts störte die sittlich-freie Atmosphäre in unserem Haus.” (aus: Henry van de Velde: “Geschichte meines Lebens”, Piper 1962)



Abgelegt unter van de Velde

28 Anmerkungen

Tun, was nötig ist?

Was wir hier vollführen,
hinter verschlossenen Türen?
Wir sammeln Personen
und Informationen,
und tragen gezielt
unser Wissen nach oben.
Wir tun, was nötig ist.

Sie möchten mehr wissen,
über uns`re Methoden,
über uns`ren way
in Guantanamo-Bay?
Dann kommen Sie mit,
gehen mit uns auf Tour,
und schauen uns zu,
bei uns`rer Tortour.
Wir tun nur, was nötig ist.

Hand in Hand
Fuß in Fuß
Schellen klappern
Geschrei - Verdammt!
Menschen stammeln,
ich versteh` sie noch nicht.
?Tun, was nötig ist?

In Stressposition verharren,
nichts sehen, nichts hören.
Nur ein klein bisschen was sagen
auf unsere Fragen.
Sprechen Sie laut
und vor allem deut-lich -
was will er mir sagen?
dann eben heut` nich`…
?Tun, was nötig ist?

Laute Musik und Hundegebell,
Stroboskop-Licht und alles ist hell.
Schlafentzug
stundenlang
Fragen über Fragen,
dem wird`s schon noch bang.
?Tun, was nötig ist?

Nackt ausgezogen, verhört und gezwungen,
an sich Hand anzulegen, ganz ungezwungen.
Unsere Frauen schauen und sprechen dann
mokant den Mann im Manne an.
?Tun, was nötig ist?

Lasst uns nicht warten
und die Hunde kommen, die scharfen.
Ihr fletschendes Gebiss
lassen erkennen, wie ernst es uns ist.
Und Du! - Dein Termin steht jetzt endlich fest,
wir holen Dich im Morgengrauen
zu “unserem” Fest.
Und wenn das alles nichts hilft -
?Tun, was nötig ist?

Waterboarding nennt man das Spiel,
die Simulation des Ertrinkens
erfordert viel trefflich Gefühl.
Denn zu früh zu sterben,
das wäre nicht fein,
das gäbe zu viel Schererei`n.
?Tun, was nötig ist?

Immer noch nicht?
Und wie hatten wir Geduld!
Warum dieses Zögern -
nun bearbeitet die Seite
kleine Tritte gegen die Beine,
wer merkt das schon.
Irgendwann wird er gestehn
oder gerecht untergeh`n.
?Tun, was nötig ist?

Sicherheitsfolter nennt Ihr das?
Ich mach mich nass.
Es dauert vier Tage, um einen zu brechen,
das ist harte Arbeit, kein Zuckerschlecken.
Genfer Konvention?
Was gilt die hier schon.

Es sind doch nur Kämpfer,
dem Terror verschworen,
und 7 von 100 sind schon verloren.
Die andern hier kriegen wir
auch noch dran
(ab und an).
?Tun, was nötig ist?

Nein, nein, nein! -
Ich sag`s nun noch einmal,
Genf gilt hier wirklich nicht
und dass Ihr`s nicht vergisst:
wir kämpfen für unsere Freiheit,
ist das nichts?

Auch wenn hier immerzu Selbstmorde geschehen,
wird daran unsere Kultur schon nicht untergeh`n.

Denn in dieser schönen karibischen Bucht
wahren wir Ideale von Ehre, Pflicht und Zucht.
Wir tun also nur, was wirklich nötig ist.

——————————-

?Tun, was nötig ist -
Vergesst sie nicht!

(Quelle: bit.ly)



Abgelegt unter Guantanamo Folter Verbrechen Menschlichkeit Gedicht

2 Anmerkungen

Abwärts

Der Boden senkte sich um zwei bis drei Zentimeter. Immer öfter schoss er leicht über das Ziel hinaus, und korrigierte die Höhe erst beim Betreten. In der Decke brummten drei Leuchtstoffröhren, vor den Insassen durch ein Gitter geschützt.

Er winkelte seine Füße ab, als sie den Wagen hereinschob. Anschließend quetschte sie sich an der Karre vorbei. Trotz dicker Jacke erschauerte sie, als ihr Rücken die Glaswand berührte. Starr standen sie sich wartend gegenüber.

In Zeitlupentempo bewegte sich die Schiebetür. Anfangs hakelte sie dabei in den mit Zigarettenresten gefüllten Führungsschienen. Dieses Stottern ging auf den letzten Zentimetern in ein regelrechtes Rumpeln über. Eine Gedenksekunde folgte. Dann zischte der Hydraulikantrieb, leise, als ob Luft aus einem Reifen entweichen würde; das Öl verließ den Zylinder, gelangte in ein Auffanggefäß und der außen an der Fassade laufende Aufzug nahm gemächlich seine Fahrt auf.

Sie beugte sich zu ihrem Kind herunter. Routiniert fädelte sie die mit einer Schnur verbundenen Handschuhe durch die Jackenärmel. Danach schloss sie seinen Anorak, rückte die Mütze zurecht, strich mit dem Daumen über seine rechte Wange. Wieder aufrecht stehend, blickte sie auf ihren Mann. Er besah sich den Schmutz auf dem marmorierten, grau-blauen Kunststoffbelag.

Sein Blick wanderte den Boden entlang, die Tür hoch und blieb am oberen Türspalt hängen. Durch diesen drang während der Fahrt das Licht vom Treppenhaus her ein. Einen Wimpernschlag lang verdunkelte sich der Spalt, während sie den Deckenabsatz eines Stockwerks durchfuhren.

Das ist der vierte Stock, dachte er.

Er zählte immer mit, bei jeder Fahrt, mehrmals am Tag. Er sah die braunen Spritzer an der beige-farbenen Tür, die Kratzer und Dellen im Blech, die wild hingekritzelten Sprüche. Der Blick nach draußen zeigte ihm das gegenüberliegende, vermeintlich zum Greifen nahe Hinterhaus. Dazu Schwaden von kalt-feuchter Luft, ein grauer Himmel, nasse Dächer und ein kleines, zerzaustes Stück Garten. Am Ende des Winters säumten wieder einmal Schneereste den Weg zu den Mülltonnen. Ein Hund hob das Bein. Er schaute zur Tür.

Dritter Stock.

Er sah auf seine Frau. Sie hatte das Kinn gereckt und ihren Schal geordnet, den sie nun unter ihren Mantel steckte. Ihre Augen fixierten draußen einen unsichtbaren Punkt. Dann blickte er auf das Kind. Versunken hantierte es mit seinem Plüschhasen herum, schwang ihn in der Hand über den Rand der Karre und wieder zurück. Vier Mal, fünf Mal. Die Ohren drohten abzureißen. Er wendete sich wieder der Tür zu:

Zweiter Stock.

Mit den Fingern seiner rechten Hand kratzte er an den Hinterlassenschaften von dicken Eddings herum. Anschließend schnippte er sich die imaginären Farbreste von seinen Nägeln. Rechts von seiner Frau tauchte ein Vogel auf. Der Scherenschnitt klebte an einer der Außenscheiben, und langsam entschwebte das Tier seinem Augenwinkel.

Sein Kopf neigte sich. Die Ballen seiner Füße gingen erst hoch, dann wieder herunter. Es folgten die Hacken. So wippelte er einige Male hin und her, die Hände in die Taschen versenkt. Er hob das Kinn.

Tief atmete er ein, verharrte und ließ die Luft hörbar wieder heraus. Die Lippen einsaugend, schweifte sein Blick ziellos umher. Eine Röhre fiel aus, sprang mit einem Pling-Pling wieder an und brummte fortan umso deutlicher.

“Früher haben wir uns manchmal im Fahrstuhl geküsst”.

Jedesmal beim Anhalten gab es einen Ruck. Dem folgte auch diesmal eine nochmalige Absenkbewegung. Nun stimmte das Niveau. Sie klappte das Verdeck hoch, nahm den Griff der Sportkarre fest in ihre Hände und bugsierte den Wagen hinaus. Er bückte sich schnell, und erwehrte sich sodann den mit Einkaufstüten hinein drängenden Nachbarn.

„Hier, Dein Hase“, rief er, als die Haustür mit einem Knall zuschlug, dessen Hall das Stottern und Rumpeln hinter ihm gänzlich verbarg. Dann Stille. Bis auf ein sich nach und nach verlierendes, leises Zischen.



Abgelegt unter Kurzgeschichte