„Wähle einfach einmal diese Nummer“, sagte sein Freund Peter zu ihm. Das tat er. Und damit begann Theos letztes großes Abenteuer.
Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme.
Sie beschrieb ihm den Weg, raus aus der Stadt auf die Landstraße in westlicher Richtung. An einer Weggabelung, ungefähr bei Kilometer 25, sollte er sich links halten. Dann geradeaus fahren und nach circa drei Kilometern rechts auf einen Waldweg einbiegen. 200 Meter weiter und schon sei er da.
Es war einer dieser Tag, an dem keiner Katzen oder Hunde vor die Tür jagen wollte.
Fröstelnd fiel er in das abgewetzte Polster seines alten Saabs und fingerte umständlich den Schlüssel in das zwischen den Vordersitzen liegende Zündschloss. Dann startete er den Wagen. Der Motor fing stotternd an zu laufen, als ob er es sich überlegen müsste, an diesem trüben Tag überhaupt seine Arbeit aufnehmen zu wollen. Der Keilriemen der Lichtmaschine wimmerte kurz auf. Theo trat einige Male nachdrücklich auf das Gaspedal und wartete, bis der Motor auf allen vier Zylindern rund lief. Die Seitenscheibe quietschte sich beim Herunterkurbeln an der Gummidichtung entlang. Mit klammen Fingern wischte er die Wassertropfen vom Außenspiegel.
Er schaute.
Ausbleibende Scheinwerferlichter zeigten ihm eine Lücke auf. Umständlich fädelte er sich ein, wie immer mit schleifender Kupplung und eine Rauchfahne hinter sich herziehend, um dann die ersten drei Gänge routiniert durchzuschalten. Mit Mühe kurbelte er die Scheibe wieder hoch, denn der Kurbelknopf bestand nur noch aus wenig mehr als der Hälfte seiner ursprünglichen Form, und der Sprengring, der ihm sicheren Halt auf der Achse geben sollte, fehlte schon lange.
Die Scheibenwischer schmierten den feinen Sprühregen zur Seite, das Gebläse brüllte gegen den Beschlag an und die einsetzende Heizung vertrieb die feuchte Luft aus dem Innenraum, nicht ohne einen Geruch von angesengtem Staub zu verbreiten. Der am Innenspiegel hängende Wunderbaum pendelte im Takt des Verkehrs hin und her, kam aber seiner eigentlichen Aufgabe nicht mehr nach.
Als er an der beschriebenen Weggabelung den linken Weg nahm, hatte der Regen aufgehört. Kurz darauf sah er die Einfahrt in den Waldweg. Er nahm einen letzten, tiefen Zug kurz oberhalb des Filters, drückte mit seinem rechten Daumen die Zigarette im vor Kippen überquellenden Aschenbecher aus und schaltete herunter.
Mit Schrittgeschwindigkeit bog er ein und versuchte halbherzig den scheinbar metertiefen, mit Regenwasser gefüllten Schlaglöchern auszuweichen. Eine Schranke markierte das Ende des befahrbaren Wegs. Er stellte den Wagen ab, verschloss ihn und ging die letzten Meter bis zum See voller Erwartung zu Fuß. Nicht einmal teuer sollte sie dem Telefonat nach sein.
Da war sie, die Schöne. Er sah sie schon von weitem und näherte sich beinahe ehrfürchtig. Bei ihr angekommen, betrachtete er sie von allen Seiten, streichelte leicht ihren Rumpf, strich mit seinen nikotingelben Fingerkuppen ihre Konturen entlang, ließ seine unförmigen, prankenhaften Hände dann kurz auf ihr ruhen und fühlte den trotz ihres Alters spannungsvollen Körper. Er ließ ab, trat einen Schritt zurück und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Mit gesenktem Blick dachte er kurz über seine Träume nach oder besser gesagt, darüber, was von ihnen noch übrig war. Er sprach kein Wort. Dann trat er wieder an sie heran.
Sie weigerte sich zunächst, seinem dumpfen Drängen nachzugeben. So stemmte er sich gegen sie, zerrte und riss an ihr bis er seine Arme vor Anstrengung nicht mehr oben halten konnte und sie einfach fallen ließ. Ganz außer Atem stand er da und atmete mit offenem Mund. Zwischenzeitlich war er ausgerutscht und auf die Knie gegangen, und die Hosenbeine starrten vor Dreck. Doch sie kam, erst langsam, aber stetig, das spürte er. Als sie ihm schlussendlich nachgab und mit dem Trailer ins Wasser rutschte, schwang er sich hinauf und kam mit einem leichten Stöhnen auf dem Deck zu liegen. Die Yacht bewegte sich schlingernd auf den Wellen, und er setzte sich auf.
„Wie habe ich dich geliebt“, dachte seine Frau bei sich, die das Schauspiel gänzlich vom Waldrand aus mit angesehen hatte. „Wie dieses Boot hast du mich behandelt. Genauso. All` die Jahre über“. Sie schloss ihre Lider und schluckte. „Theo“, rief sie aus dem Dickicht heraus. Dann ging sie auf ihn zu, zog unvermittelt eine Waffe und erschoss ihn.
Sie besah sich vom Ufer aus den leblosen Körper, der mit offenen Augen rücklings auf dem Deck lag, die Beine unter dem Körper verdreht. Ein ungläubiger, erstaunter Ausdruck umspielte noch immer sein verfettetes Gesicht. Sie wendete sich ab, und ein tiefes, multiples Schluchzen ließ ihren Körper erzittern. „Das wars“, sagte sie zu sich selbst. Und das Gefühl einer unglaublichen Erleichterung, das sie nun durchflutete, ließ ihre emotionale Erschöpfung einen Moment lang in den Hintergrund treten. Sie senkte ihr voll Ekel und Bitterkeit verzerrtes Gesicht und ging mit hängenden Schultern zurück zur Straße. Der Regen setzte wieder ein, stärker und stärker werdend.
Peter wartete schon mit seinem Wagen auf sie. „Fahr los“, sagte sie unter Tränen, die an ihren Wangen ungehemmt herunterliefen. Die Tür schlug zu, und sie lehnte ihren Kopf an die Seitenscheibe, an der die Tropfen Rinnsale bildeten und vor ihren Augen Streifen zogen, die es nicht vermochten, ihrem Blick einen Halt zu geben.
Der einsetzende Wind wehte Reste von herbstlichen Blätter von den Bäumen, die im Scheinwerferlicht schimmernd feucht auf der Straße liegen blieben. Der Motor erklang, die Räder rissen die Feuchtigkeit vom nassen Asphalt, und die roten Rücklichter verloren sich allmählich in der Ferne, von einer kleinen, sich formenden Gischtfahne begleitet.